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Bernstorf

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Bernstorf – Kultplatz, Wirtschafts- und Handelszentrum der europäischen Bronzezeit in Bayern

Von Manfred Moosauer

 

„Es geht eine Sage, dass zwischen Tünzhausen, Bernstorf und Kranzberg eine versunkene Stadt liegt.“ Josef Grassinger 1864

 

Zu den bedeutendsten archäologischen Entdeckungen der letzten Jahre in Europa gehören die Funde von der bronzezeitlichen Befestigung Bernstorf in der Gemeinde Kranzberg. Sie geben einen Einblick in Kulturbeziehungen zu der mediterranen Welt einerseits und dem Ostseeraum andererseits, wie sie in dieser Deutlichkeit bislang noch nicht nachgewiesen werden konnten. Kranzberg hat damit eine Ortsgeschichte, die ihresgleichen sucht.

 

Die Befestigungsanlage von Bernstorf liegt auf einem gut zu verteidigenden Höhenzug etwa 50 m über dem Ampertal (Abb. 1).

Abb. 1: Luftbild des Bernstorfer Bergs von Osten. Die rechte Bildhälfte zeigt die durch den Kiesabbau zerstörten Befestigungs-Areale , die linke im Bereich einer „Akropolis“ die der Gold- und Bernsteinfunde vor dem weiteren Kiesabbau. Foto: Klaus Leidorf.

 

Durch Kiesabbau wurde mehr als die Hälfte der befestigten prähistorischen Anlage zerstört, an deren Sporn unmittelbar über dem Amperufer während des Frühmittelalters ein zusätzlicher hufeisenförmiger Abschnittswall errichtet worden war (Abb. 2).

Abb. 2: Die bronzezeitliche Befestigung und der mittelalterliche Wall in ihrem südwestlichen Teil. Schraffiert die durch Kiesabbau zerstörten Flächen. Zeichnung Fa. ArcTron.

 

Erst durch intensive Bemühungen in den letzten Jahren ist es gelungen, wenigstens Teile der Befestigung vor weiteren Eingriffen durch Kiesabbau zu bewahren. Ob dies ohne die spektakulären und öffentlichkeitswirksamen Funde von dieser Lokalität gelungen wäre, ist zu bezweifeln. Doch inzwischen finden unsere Bemühungen, dieses wertvolle Relikt aus der Bronzezeit einerseits zu erhalten und andererseits durch gezielte Prospektionen und Grabungen weiter zu erforschen einen immer größeren Rückhalt, ein großes Forschungsprojekt konnte im Herbst 2006 gestartet werden.

Die insgesamt 12 bis 15 ha große bronzezeitliche Befestigung von Bernstorf wurde während der Bronzezeit von einer Holz-Erde-Mauer umgeben, die 4,50 m hoch und insgesamt fast 2 km lang war. Das Vorhandensein dieser „Schanze“ wurde bereits 1904 von dem Freisinger Gymnasialprofessor Josef Wenzel dokumentiert, der ihren Verlauf sogar skizzieren konnte, da sie damals noch nicht durch den Kiesabbau beeinträchtigt worden war. Die in einigen Gruben sichtbaren verbrannten Überreste beschrieb er sorgfältig.


In den Folgejahren geriet die Anlage jedoch in Vergessenheit. Ihre Wiederentdeckung ist dem Umstand zu verdanken, dass Traudl Bachmeier und ich 1992 bei einer Begehung des Geländes am Rande der Kiesgrube auf glasig verbackene und rötlich verfärbte Schlackekonzentrationen stießen, die wir anfänglich für die Überreste von Eisenverhüttungsplätzen hielten. Eine anschließende Magnetometerprospektion durch den Geophysiker Helmut Becker ergab eine Nord-Süd verlaufende Schlackenzone von 3 bis 4 m Breite. Mit Genehmigung des Landesdenkmalamts führten wir daraufhin in den Jahren 1994 bis 1998 auf 130m2 eine Planungsgrabung durch. Es stellte sich heraus, dass es sich bei dem Befund um die Reste einer Verteidigungsanlage handelte, die bei ihrer Zerstörung starker Brandhitze ausgesetzt gewesen sein muss. Die Art ihrer Konstruktion ließ sich anhand der Balkenabdrücke in dem verschlackten und verziegelten Lehm, den Pfostenspuren und den Überresten verkohlter Eichenbalken so exakt nachvollziehen, wie es bislang bei kaum einer anderen bronzezeitlichen Anlage gelungen ist (Abb. 3).

Abb. 3:  Grabungsflächen 1994 bis 1998.  Foto M. Moosauer . Zeichnung: T. Bachmaier.

 

Die Befestigung bestand demnach aus einem 6m breiten und knapp 2m tiefen Graben, hinter dem eine Mauer errichtet worden war. Diese wurde nach außen von massiven Pfosten abgegrenzt, die wohl in ihrem oberen Teil eine Brustwehr bildete. Der Mauerkern selbst bestand aus einer Balkenkonstruktion mit dicht verlegten Längs- und Querriegeln.


Lehmverputz und Sandüberdeckung schützten die hölzerne Anlage vor Witterungseinflüssen und Brandgefahr (Abb.4).

Abb. 4: Rekonstruktion der Holzmauer aufgrund des Grabungsbefundes. Zeichnung: M. Moosauer.

 

Es lässt sich hochrechnen, dass zur Herstellung der gesamten Befestigung etwa 40.000 Eichen gefällt und verbaut worden sein müssen, ein Aufwand, der nicht nur eine sorgfältige Planung, sondern auch umfängliche Transporte erforderte.

Die zeitliche Zuordnung der Mauer wird durch dendrochronologische Untersuchungen von zwei Holzstämmen ermöglicht, die die Zahlen 1370 und 1360 v. Chr. ergaben. Es ist jedoch aufgrund weiterer Untersuchungen damit zu rechnen, dass die Ursprünge der Siedlung und vielleicht auch der Befestigung noch weiter zurückreichen. Durch die Ausgrabungen konnte sichergestellt werden, dass die gesamte Anlage in einem gewaltigen Brand zugrunde ging, der so intensiv gewesen sein muss, dass sogar der Lehm verschlackte. Kernphysikalische Untersuchungen durch U. Wagner konnten eine Hitzeeinwirkung von über 1300° C nachweisen.

Die große Bedeutung, die die Siedlung Bernstorf für die Bronzezeitforschung besitzt, ist jedoch nicht in erster Linie auf die guten Erhaltungsbedingungen der Verteidigungsmauer zurückzuführen, sondern vor allem auf die außergewöhnlichen Funde, die im Inneren der Siedlung zutage kamen.

Nachdem die Mauer anfänglich durch Flächengrabungen untersucht worden war, nahmen wir im Sommer 1998 weitere Grabungen im Südteil der noch nicht durch den Kiesabbau zerstörten Anlage vor. Nun wurde durch Profilschnitte der Aufbau des Walls weiter abgeklärt. Trotz des zunehmenden öffentlichen Interesses war es aber damals immer noch nicht möglich, das gesamte archäologische Terrain entsprechend seiner Bedeutung zu schützen.


So erfolgte nach Beendigung der Ausgrabungs-Kampagne innerhalb der Umwallung auf 1 ha Fläche eine Abholzung und Rodung des hohen Waldbestandes, wodurch die Kulturschichten in diesem Bereich stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Wir führten daraufhin eine sorgfältige Begehung der Rodungsfläche und der aufeinander geschichteten Wurzelstöcke durch. Dabei wurden verschiedene Fragmente von teils verzierten Goldblechen entdeckt. Eine sofortige Fundmeldung an die Archäologische Staatssammlung in München führte zu einer intensiven Begehung und der Auffindung weiteren Goldschmucks. Die Goldbleche waren teilweise durch Brand beschädigt und vor ihrer Deponierung zusammengebogen und dann in Lehmummantelungen geborgen worden (Abb. 5).

Abb. 5: Der Goldschmuck in seinem Auffindungszustand nach einer ersten Reinigung. Foto: M. Eberlein.

Die in der Staatssammlung durchgeführte Restaurierung ergaben ein kronenartiges Diadem, eine sog. Ruderblattnadel mit gewickeltem Schaft, einen länglichen, einen bandförmigen und sieben eckige Goldbeschläge, Teile eines Gürtelbeschlags sowie ein spiralförmig um einen verkohlten Holzschaft gewickeltes Band. Alle Teile waren mit Ausnahme eines zusammengefalteten unverzierten Goldblechs durch feine Punz- und Stempelmuster in Form von Kreisbuckeln, Punktreihen, Fransenbändern und schraffierten Dreiecken geschmückt, Motiven, die nicht nur für die bronzezeitliche Toreutik, sondern auch für die Verzierung von Keramik charakteristisch sind.


Am prächtigsten war ein kronenartiges Diadem mit randlichen Bohrungen für eine Befestigung (Abb. 6).

Abb. 6: Das Kronendiadem nach seiner Restaurierung. Foto: M. Eberlein

 

Insgesamt besaßen die hauchdünnen geborgenen Goldfolien ein Gewicht von etwas über 110g.

In unmittelbarer Nähe der Goldfunde wurden zudem sechs unregelmäßige, zentral durchbohrte Bernsteinstücke gefunden.

Nach diesen Aufsehen erregenden Funden war das Interesse der Archäologie  geweckt. In den beiden Folgejahren wurden durch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege östlich der Fundstelle weitere Grabungsflächen geöffnet. Da die Humusschicht, die aber ebenfalls Fundmaterial enthielt, maschinell entfernt worden war, durchsuchten wir die Abraumhalde nach Funden.


Neben weiteren Keramikfragmenten der Hügelgräberbronzezeit und diversen Bernsteinstückchen stießen wir hier auf zwei Sensationsfunde(Abb. 7).

Abb. 7a : Die gravierten Bernsteinobjekte. Vorder- und Rückseite des flachen Stückes.

 

Das eine ist ein nahezu dreieckiges Bernsteinplättchen, auf dessen einer Seite ein bärtiges Gesicht und auf dessen anderer Seite Piktogramme eingraviert sind. Eine Woche später kam das zweite Bernsteinstück zutage, das ebenso wie die im Jahr zuvor geborgenen Goldfragmente in Lehm eingehüllt war. Diese Stücke wurden sofort in die Archäologische Staatssammlung München überführt. Die dortigen Untersuchungen ergaben, dass es sich um einen Stempel handelt. Seine flache Vorderseite weist ebenfalls eingravierte Zeichen auf, die Rückseite besitzt einen durchbohrten Knauf, in dem noch winzige Goldreste, vermutlich von einer Befestigung, steckten.

Es war zu vermuten, dass es sich bei den Gravuren auf den Bernsteinfunden um Schriftzeichen handelte. Wegen der Ungewöhnlichkeit eines solchen Fundes, denn bisher waren Schriftzeichen  aus mitteleuropäisch-bronzezeitlichem Kontext unbekannt, wurden durch Prof. Dr. Rupert Gebhard  besonders gründliche Untersuchungen vorgenommen, bzw. veranlasst:

Das Siegel war in ein ebensolches Ton-Sandgemisch eingebettet, wie es schon die Goldbleche umgeben hatte. Analysen durch die Technische Universität München ergaben, dass dieses Gemisch aus lokal anstehendem Material besteht.

Die Bernsteinstücke fluoreszierten unter UV-Licht nur noch sehr schwach. Wären sie in jüngerer Zeit bearbeitet worden, hätten sie wesentlich stärker strahlen müssen. In den Gravuren wurden zudem weiß-gelbliche Ablagerungen gefunden, bei denen es sich um Spuren von Bernsteinsäure handelt, wie sie nur durch Verwitterungsprozesse entstehen kann.


Dies spricht ebenfalls für eine antike Anbringung der Gravuren, in denen sich durch die jahrtausendelange Lagerung im Boden diese Patina bilden konnte.

Zudem ist Bernstein als Träger von Schriftzeichen im mykenisch/minoischen Kulturbereich völlig ungewöhnlich  und es gibt im mediterranen Raum überhaupt keine Analogien dazu.

Die Analyse der eingravierten Zeichen legte von Anfang an die Vermutung nahe, es könne sich um mykenische Schrift handeln. Deshalb wurden zwei Spezialisten zu Rate gezogen, Prof. Louis Godart aus Rom und Prof. Jean-Paul Olivier aus Brüssel. Diese bearbeiteten  beide unabhängig voneinander die Funde.

Die Zeichen auf der Rückseite der Gesichtsdarstellung, die frappant an die berühmte von Heinrich Schliemann in den Schachtgräbern von Mykene entdeckte sogenannte „Maske des Agamemnon“ erinnert, wurden von Olivier eher als Symbole (Flamme/Speer, Rad, Doppelaxt) gedeutet. Ihre Bedeutung für die Menschen der Bronzezeit ist heute nicht mehr zu erschließen, doch mag eine Hypothese erlaubt sein: Könnte es sich hier nicht um Herrschaftssymbole handeln? In diesem Sinne wäre die Flamme oder der Speer als Ausdruck kriegerischer Macht, das Rad als Symbol für überregionale Handelsbeziehungen oder weitreichenden Einfluss und die Doppelaxt schließlich – analog zur minoischen Doppelaxt – als religiös/politisches Symbol zu interpretieren.

Die Zeichen auf dem Bernsteinsiegel (Abb. 7a)

 
   

Abb. 7a : Vorder- und Rückseite des Stempels. Fotos: M. Eberlein.

 

wurden von den beiden genannten Mykenologen übereinstimmend als Linear B-Inschrift, die erste lesbare (Silben-)Schrift der alten Griechen, angesprochen. Zu lesen sind die Zeichen „pa nwa ti“. Berücksichtigt man freilich, dass sich bei einer Stempelnutzung des Siegels die Schrift umkehrt, so könnte der Stempelabdruck freilich auch „tin wa pa“ lauten.


 

Die Silbenfolge „Tinwa“ ist als eine Volksbezeichnung der bekannten mykenischen Stadt Pylos überliefert. „Panwati“ dagegen kennen wir als den Namen eines der Archonten, die an dem Zug der Argonauten nach Kolchis teilgenommen haben sollen. Da die, aus einer Niederschrift des im 3. Jahrh. v. Chr. lebenden Apollonios Rhodios überlieferte Argonautensage viel älter, eventuell sogar bronzezeitlichen Ursprungs ist, könnte es sich also dabei durchaus um einen ursprünglich mykenischen Namen handeln.

 

Muss eine eindeutige Klärung der Bedeutung dieser Inschrift wohl offen bleiben, so zeigen die Bernsteinstücke jedenfalls einen Bezug zur mykenischen Welt. Sie bedeuten, abgesehen von den Schriftzeichen, aber noch einen weiteren Brückenschlag zwischen dem bronzezeitlichen Griechenland und Bernstorf. Unterhalb der Schriftzeichen auf dem Bernsteinsiegel befindet sich nämlich eine weitere Gravur bestehend aus einem horizontalen Band mit fünf vertikalen Protomen. Sollte es sich hierbei ebenfalls um ein Symbol handeln? Sieht man davon ab, dass es sich auch um eine Schiffsdarstellung handeln könne,  drängt sich der Bezug zu dem in Bernstorf gefundenen Golddiadem mit seinen fünf kronenartigen Aufsätzen geradezu auf. Sollte diese Vermutung zutreffen, würden die Ritzlinien auf dem Stempel ebenfalls ein Machtsymbol (Ornat eines Herrschers) wiedergeben. Dass es sich bei dem goldenen Diadem von Bernstorf um den Teil eines fürstlichen/priesterlichen Ornats handelt, ist naheliegend. Vergleichbares kennen wir wiederum aus der mykenischen Kultur, zum Beispiel aus Schachtgrab III von Mykene selbst (Abb. 8).

Abb. 8: Linke Bildhälfte: Das Kronendiadem und die sog. Agamemnons-Maske aus Schachtgrab III von Mykene. Foto: Archäologisches Nationalmusem Athen.  Rechte Bildhälfte: Die Funde von Bernstorf

 
   
 

 

 

Das goldene Diadem aus diesem Grab ist ebenso wie das Bernstorfer Exemplar durch eingestempelte Kreisbuckel geschmückt. Freilich ist die „Krone von Bernstorf“ viel zu dünn (0,08 mm), um wirklich getragen worden zu sein. 12 kleine Durchbohrungen an den Rändern des Diadems stellen vermutlich Befestigungslöcher dar, so dass dieser Schmuck auf einer wohl organischen Unterlage fixiert gewesen sein dürfte, denn Spuren von ankorrodiertem Metall finden sich nicht. Aber auch mit einer Unterlage wäre die dünne Folie immer noch sehr anfällig für Beschädigungen gewesen. Geht man jedoch davon aus, dass dieser Schmuck nicht für eine reale Person, sondern vielmehr für ein Kultbild gedacht war, stellt dies Fragilität kein Problem dar. Unterstützt wird diese Vermutung durch zwei Umstände:

Zum einen erwiesen sich organische Reste, die dem Kronendiadem anhafteten, als Styrax-Harze, also Spuren von Weihrauch. Weihrauch ist im Zusammenhang mit der Verehrung eines Kultbildes gut vorstellbar, mit dem Ornat eines Herrschers dürfte es dagegen kaum in Berührung gekommen sein. Zum anderen sind auch die übrigen Goldgegenstände aus Bernstorf, die Anhänger, die Gürtelteile und die Goldummantelung der Nadel bzw. des möglicherweise als Szepter zu deutenden Gegenstandes so dünn, dass sie – selbst auf Kleidung aufgenäht – beim häufigeren Tragen zwangsläufig beschädigt worden wären.

Es ist deshalb wohl davon auszugehen, dass der Schmuck an der Bekleidung oder direkt an einer lebensgroßen Kultfigur befestigt war, die man sich etwa so wie eine minoische Göttin vorstellen kann (Abb. 9).

Abb. 9: Rekonstruktions-Modell des Kultbildes von Bernstorf mit Kronendiadem, Hals- und Armschmuck sowie goldenem Zepter und Gürtel. Zeichnung: R. Gebhard.

 

Die in der Nähe gefundenen und ebenfalls sorgfältig in einer Lehmummantelung verborgenen Bernsteinstückchen mit Schriftzeichen und Gravierungen dürften ebenfalls mit der Verehrung dieses Kultbilds in Verbindung stehen.

Dass diese gravierten Bernsteine wohl auch kultische Bedeutung besaßen, unterscheidet sie von ihren mykenischen Vorbildern, denn bei den aus dem mykenischen Sprachbereich bekannten Linear B-Schriftzeugnissen handelt es sich fast ausschließlich um Wirtschaftstexte. Ein Wort durch Niederschrift sozusagen für die Ewigkeit „festzuhalten“, muss aber besonders für die nicht schriftführenden Randvölker von Hochkulturen etwas Magisches an sich gehabt haben. Der Besitz solch magischer Zeichen war deshalb von großer Bedeutung. Ihre Aufbewahrung in einem Heiligtum wäre folglich naheliegend.

Dass die Bernsteintäfelchen nicht aus dem Bereich der mykenischen Kultur stammen, sondern dass ein Schriftkundiger – sei es ein Mykener, sei es ein weitgereister Mitteleuropäer – diese Zeichen, vielleicht sogar in Bernstorf selbst, eingraviert hat, wird durch das als Schriftträger völlig ungewöhnliche Material Bernstein nahe gelegt. Diese magischen Steine müssen ebenso wie die zeremonielle Bekleidung des Kultbildes für die bronzezeitlichen „Bernstorfer“ von hoher Bedeutung gewesen sein. Vermutlich im Zusammenhang mit der Brandkatastrophe und der damit verbundenen Zerstörung der Siedlung wurden diese Kostbarkeiten in Lehmhülsen geborgen versteckt. Wollte man sie auf diese Weise vor Entweihung schützen?   

 

Noch ein weiterer Aspekt, der sogar über Beziehungen zur mykenischen Kultur hinausführen könnte, soll abschließend angesprochen werden. Die in München durchgeführte Röntgenfluoreszenzanalyse des Goldes ergab, dass es sich um fast reines, geläutertes Gold handelt, wie es aus dem bronzezeitlichen Mitteleuropa bislang noch nicht nachgewiesen werden konnte. Bei dem üblicherweise verarbeiteten Fluss- und Berggold ist der Silberanteil immer höher; das Gold muss also geschieden worden sein, ein hochkompliziertes Verfahren, das für die Bronzezeit bislang nur für Ägypten nachgewiesen worden ist.

Wir haben also in Bernstorf nicht nur mykenische Schrift und ein Kronendiadem, das Vergleichbares in der mykenischen Kultur findet, wir haben zudem Bezüge, die noch weiter in den Südosten bis nach Ägypten führen. Auch der Weihrauch, dessen Spuren an dem Diadem hafteten, könnte von dort stammen. Kulturelle und merkantile Beziehungen von Süden nach Norden sind die Voraussetzung für die Übernahme solchen Wissens und solcher Kulturgüter. Im Gegenzug findet sich in der mykenisch/minoischen Kultur und im mittleren und neuen Reich Ägyptens Ostseebernstein, der nur durch einen Nord-Süd Handel dorthin gelangt sein kann.

Bernstorf ist also eingebunden in ein transeuropäisches Verbindungssystem, das sich während der Bronzezeit vom östlichen Mittelmeer – und sicher auch darüber hinaus tief nach Asien – bis zur Ostsee erstreckte. Dass dieser Ort eine bedeutende Station innerhalb dieses kulturellen Gefüges darstellte, kann beim jetzigen Forschungsstand als sicher angenommen werden. Die aufwendig errichtete Befestigungsanlage, das Vorhandensein von Importwaren wie Bernstein und geläutertem Gold und vor allem der bislang völlig einmalige Fund eines mit Linear B-Zeichen beschrifteten Bernsteinsiegels sprechen eine deutliche Sprache.

Mit großer Freude und Zufriedenheit können wir nun davon berichten, dass bereits seit Herbst 2006 und in den nächsten Jahren die Forschungen auf dem Bernstorfer Berg fortgeführt und intensiviert werden.

Dies geschieht leitend durch Herrn Prof. Dr. Rüdiger Krause, Ordinarius für Vor- und Frühgeschichte der Johann Wolfgang Goethe Universität - Institut für Archäologische Wissenschaften - in Frankfurt am Main unter Mithilfe der Archäologischen Staatssammlung München und dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege München.


Die bisherige Finanzierung erfolgte durch Eigenmittel, die wir von den Sparkassen-Stiftungen der drei Amperlandkreise und den Landratsämtern Freising, Dachau, Fürstenfeldbruck, den Gemeinden Kranzberg, Allershausen, Kirchdorf, Fahrenzhausen, Haimhausen, Hebertshausen und Institutionen wie den „Freunden der bayerischen Vor- und Frühgeschichte“, der Flughafen München Gesellschaft, der Bayerische Einigung e.V. – Bayerische Volksstiftung erhielten. Wir schulden hier allergrößten Dank, auch der Leitung des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Berlin für besondere Beratung und Unterstützung mit kostbaren Funden aus Bayern, die Ende des 19. Jahrhunderts nach Berlin gelangt waren. Unser besonderer Dank gilt den freiwilligen und unentgeltlichen Bürgern und der Gemeinde Kranzberg, sowie der Familie Braun vom Gutshof Bernstorf für die allzeit freundschaftliche Hilfe bei den Ausgrabungen und alle weiteren Unterstützungen, die uns auch für die Zukunft angeboten wurden.

 

Es ist jetzt während den laufenden Untersuchungen und Ausgrabungen schon abzusehen, dass uns das bronzezeitliche Kulturdenkmal Bernstorf künftig noch viele weitere Erkenntnisse liefern wird, die unser Wissen über Europa und den Mittelmeerraum im 2. vorchristlichen Jahrtausend bereichern werden.

Abb. 10: Links der Gutshof Bernstorf, rechts der Bernstorfer Berg im heutigen Zustand nach der teilweisen Renaturierung. Im Hintergrund Kranzberg und der Kranzberger See.

 

 

 

 

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